Gedichte (196) – Ich wäre gern ein Teenager

Ich wäre gern ein Teenager

Ich würd so gern Teenager sein
Nicht im Anfangsstadium
Die Haut nicht sauber oder rein
Der Mund vor Stimmbruchsorgen stumm

Gemeint ist die Teeniefraktion
Mit Erwachsenenattitüde
Etwas vorgereift nun schon
So weise und im Ton gern rüde

Man lernt danach vom Leben mehr
Wird irgendwie erwachsener
Und weiß dann auch vor allen Dingen
Mit welchen Sorgen die so ringen

Die Sicherheit schwindet dem Wissen
Um die vielen Möglichkeiten
Es schrumpft manch inneres Ruhekissen
Ob Steuern, Kosten, Arbeitszeiten

Entscheidungen werden getroffen
Den Weg such ich mir heute selber aus
Das er begehbar ist bleibt dabei nur zu hoffen
Etwas lerne ich ganz zweifelsohne draus

Ich schlug mir aus dem Kopf so manche Faxen
Die Jugensünden sind vergessen und verziehen
So gerne wär ich irgendwann mal so erwachsen
Wie ich mir damals mit sechzehn schien.

Gedichte (195) – Ein Bösewicht-Gedicht

Ein Bösewicht-Gedicht

Igor war ein Bösewicht
Nur zufrieden war er nicht
Haderte mit seinem Job
Den Arbeitszeiten – na und ob!
Vandalismus, Räuberei
Erpressung oder Prügelei
Selbst das Werfen eines Steins
Böses tun – das war nicht seins
Nicht alleine, nicht im Team
Sein alter Vater sprach zu ihm:
Bösewichte hat es eben
In unseren Ahnen stets gegeben
Dein Papa, Onkel, Opa – schlicht
Jeder war ein Bösewicht
Doch das reichte Igor nicht

Das Argument verblasste schnell
Ihm fehlte intellektuell
Ein Grund für seine Profession
Klar, profitabel war es schon
Doch glücklich würde er nicht werden
Als Bösewicht auf dieser Erden
Grund sein, solch grausamen Leids
Hatte für ihn keinen Reiz

Er wollte nicht töten
Nur in der Sonne erröten
Niemals je in Herzen stechen
Dafür lieber auf Kuchenblechen
Wollte niemanden entführen
Lieber Hefeteig verrühren
Keine Gelder mehr waschen
Lieber backen und naschen

Und so besann Igor sich
Sprach: ‚Ich mache das nicht‘
Rief es heraus, stoppte das Morden
Und so ist ohne Graus
aus ihm ein Liebewicht geworden

Ein Bäcker, lieb, freundlich und weise
Das einzig‘ böse bei ihm sind die saftigen Preise

Gedichte (194) – In Fliegendingen

In Fliegendingen

Eine alte und höchst philosophische Fliege
Speiste am Abend beim Hundehaufen
Sie fragte sich: „Wie wird mein Ende verlaufen?“
Neben ihr eine andere aus der Fliegenriege

Die philosophische Fliege gebot
Der anderen innezuhalten und fragte
Als ihre innere Stärke verzagte
„Gibt es ein Leben nach dem Kot?“

Die andere hatte den Rüssel voll Dreck
Gestört im leckersten Abendmahl
Sie blickte nicht auf, flog nur kopfschüttelnd weg
Nicht interessiert am eigenen Verfall
Suchte zum essen nen anderen Fleck
Besseres als DEN Kot fand sie überall

Gedichte (193) – der schleichende Verfall

Der schleichende Verfall

Der Verfall kommt angeschlichen
Gewaltig faltig, die Jugend verblichen
Der Anblick stellt mir doch die Frage:
Warum schleicht er dieser Tage?
Hat er etwas zu verbergen?
Bringt er mit sich fiese Schergen?
Hat den Fall ja schon im Namen
Wird er tief und voller Dramen?

Versuchen wir uns zu besinnen
Wollen positives abgewinnen:

Etwas mehr Falten im Gesicht
Schaden mir vermutlich nicht
Und die lachfaltige Sorte
Verziert sogar manch glatte Orte

Lässt die Sehkraft dann bald nach
Sieht man auch das Ungemach
Anderer Falten nur unscharf und matt
Dadurch wirkt es wieder glatt

Dass ich jetzt kaum noch Bier vertrag
Macht günstiger manch Feiertag
Was da alles an Geld gespart
Wird fürs Alter aufbewahrt

Die Rückenschmerzen, Zipperlein
sind für meinen Arzt sehr fein
Von irgendwas muss der auch leben
So ist das wenn man altert eben

Wenn man ehrlich ist – Verfall
Gibt es schließlich überall
Das Kolosseum freute heute ohne
Einsturz niemanden die Bohne
Und wäre das Türmchen in Pisa nicht schief
Gäb es da keinen Touristentarif

Und falls dieser Text euch so gar nicht erfreut
Tut so als schwinde eure Hörfähigkeit

Gedichte (192) – Der traurigste Superheld der Welt

Der traurigste Superheld der Welt

Jochen ist ein Superheld
Und doch ist er sehr traurig
Er ist sehr stark und hat viel Geld
Von Paderborn bis Aurich

Keiner ist so stark wie er
Und er kann auch noch fliegen
Ist Stahl auch noch so dick und schwer
Er kann ihn verbiegen

Doch Jochen schläft viel, tut nur wenig
Lässt Hilferufe oft verhallen
Mancher wünscht ihn gar zum König
Er will nicht mal die Fäuste ballen

Er kommt kaum noch aus dem Bett
Hat keine Freude mehr am Job
An Ehrung oder Staatsbankett
Gibt’s dafür Gründe? Na, und ob!

Weit und breit gibt’s keine Schurken
Niemand kann sich mit ihm messen
Nix wie im Film, alles nur Gurken
Die ihn nicht die Bohne stressen

Ob Mafioso, Taschendieb
Wen er will, den fängt er gleich
Macht sie platt mit einem Hieb
Nicht gerade spannungsreich

Was soll er sich die Mühe machen?
Er kann ja doch nur Fliegen fangen
Ein paar Mal leicht heroisch lachen
Während sie in den Knast gelangen

Es ist doch alles purer Hohn
Sein dummes Dasein hier auf Erden
Länger grübelt er jetzt schon
Ein Superschurke selbst zu werden

Gedichte (190) – Links sein – nichts tun

Links sein – nichts tun

Politisch bin ich lange schon
In Worten, in Gedanken
Manchmal auch im Einkaufswagen
Doch danach folgen Schranken

Hab lange nicht mehr demonstriert
Politisch nichts gerissen
Nirgendwo je kandidiert
Und ein schlechtes Gewissen

Ich bin links und sag es auch
Doch ändern wird das nichts
Der Zwiespalt wird verarbeitet
In Form eines Gedichts

Das Gewissen wird gefüttert
Faulheit siegt, die Taten ruhen
Ich komme mir politisch vor
Und muss dabei nichts tun

Gedichte (189) – Nahrungsmitteldichterei

Nahrungsmitteldichterei

Es war ein Montag, nicht mein Tag
Ein Tag wie ich ihn gar nicht mag
Viel zu tun und wenig Muße
Ich brauch auf, wie stets zu Fuße
Gurkte einfach so herum
Fühlte mich unnütz und dumm
Alles Käse, mir doch Wurst
Ich spürte in mir einen Durst
Und eierte zum Edeka
Hunger war kein bisschen da
Wollt‘ keine Feinkost von der Küste
Keine fleischlichen Gelüste
Kein Interesse an Melonen
Nur etwas Orangenhaut
Hab ich ganz kurz angeschaut

Ich verließ den Supermarkt
Frag mich wer hier so blöd parkt
Hat wohl Tomaten auf den Augen
Fahrkünste die zum Laufen taugen
Von Feingefühl nicht mal ein Hauch
Was ist das denn für ein Lauch
Er hörte das, nannte mich Streber
Die beleidigte Wurst von der Leber
Was ich da sage sei nur Quark
Ich wünscht‘ ihm einen guten Tag

Weiter ging ich unbeschwert
Am Parkplatz äpfelte ein Pferd
Die Äpfel warm und heiß begehrt
Bei den lokalen Fetischisten
Die sich gern und nicht vor Lachen bepissten

Abgelenkt fiel ich aufs Knie
Es zwiebelte so fies wie nie
Aus meinem Rucksack tropfte Sahne
Doch auch das war mir Banane

Gedichte (188) – Origami

Hallo zusammen,

das folgende Gedicht war ein Themengedicht für den Dichtungsring vom April 2017.

Viele Grüße
Arno


Origami

Am Anfang war Papier
Das war schon lange hier
Ich war allein
Und da war Bier

Und da sie in meinem Leben
Sowieso zum Vorschein streben
Trank ich schnell vom Bier, dem kalten
Und begann mit falten

Falten ist und sind in meiner Welt
Auf Sieg und Vormarsch eingestellt
Wie vor langer Zeit nun schon
Der gute Herr Napoleon

So saß ich da, trank ein paar Bier
Und faltete Papier
Mit Rückenschmerz und müden Knochen
Übte ich Tage und Wochen
Ich war ein alter Falter
Mein Frust war ein geballter

Es wurd‘ gebastelt und geknickt
Mit der Zeit auch ganz geschickt

Ich schuf zunächst manches Banale
Tiere und Fingerskateboardrampen
Irgendwann dann eine ganze Steuerzentrale
Mit Schaltern und Lampen
Ich schaltete und waltete
Und faltete

Dann eine neue Wohnung, ein neues Bett
Ein Ofen, eine Pfanne, ein gutes Schweinskotelett
Alles ward gefaltet, schließlich gar ein Puter
Und ich sah, dass es gut war.

Gedichte (170) – Abgestillt

Abgestillt

Der kleine süß lachende Knilch
Nun frei von jeder Muttermilch
Isst jetzt sehr gerne Brot und Brei
Und feinstes Nudelallerlei

Die Mutter kriegt die Freiheit wieder
Hat ihren Körper nun für sich
Sogar Abends hier und da
Ein wenig Freizeit- königlich

Einmal wöchentlich ist drin
Abende – Für jeden einen
Weggehen, Kino, sonstwohin
Der andere hütet die Kleinen

Die Freude ist jedes Mal groß
Und man genießt es – zweifellos
Nach ein paar Stunden denkt man meist
Langsam will ich wieder los

Gedanken zieht es heimwärts
Vermissen macht sich dann doch breit
Zuhause freut sich’s Elternherz
Über vertraute Viersamkeit

Ab ins Bett, es ist schon spät,
Man denkt bevor man schlafen geht
Wohin wir gehen, was wir auch tun
Das Elternsein wird nie ganz ruhen

Gedichte (169) – Ich wäre gerne ein Planet

Ich wäre gerne ein Planet

Ich wäre gerne ein Planet
Der im Weltall riesengroß
Sich fast nur um sich selber dreht
So wichtig und doch sorgenlos

Wenn ein paar Monde ihn umschwirren
Reflektieren Sonnenlicht
Astronauten sich verirren
Das kümmert den Planeten nicht

Er sieht wie die Sternlein stehen
Kann sie betrachten und studieren
Sind von ihm aus gut zu sehen
Er wird nicht krank, er kann nicht frieren

Zweifelt nie an seinem Können
Hat klare Zukunftsperspektiven
Muss sich keine Auszeit gönnen
Dreht sich in des Weltalls Tiefen

Kein Urlaub nötig und zur Nacht
Wird auch nie an Schlaf gedacht
Immer da, ganz selbstbewusst
Ja, auf Planet-sein hätt‘ ich Lust